Lüttmann vor dem Gesundheitsamt Oberhavel

Mit Augenmaß und gegenseitigem Respekt durch die Corona-Krise

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Zu den auch in unserer Region steigenden Corona-Infektionszahlen erklärt der in Oranienburg, Leegebruch und Liebenwalde direkt gewählte Landtagsabgeordnete Björn Lüttmann: „Die erneute Steigerung der Infektionszahlen im Herbst war zu erwarten und dennoch schauen wir jetzt alle täglich in gespannter Erwartung auf die weitere Verbreitung des Coronavirus in unserer Region. Deutschland, Brandenburg und unser Landkreis Oberhavel sind in den letzten Monaten vergleichsweise gut durch die Krise gekommen. Und auch wenn das Abstandhalten und Maskentragen uns immer wieder erinnert, dass die Pandemie nicht vorbei ist, so hatte sich zuletzt doch wieder eine gewisse Normalität eingestellt. In Zeiten wieder steigender Zahlen sprechen nun viele von einer „trügerischen Normalität“, die uns in den letzten Monaten ergriffen habe. Manche meinen sogar, darin den Grund für die steigenden Zahlen zu erkennen, dass die Menschen wieder nachlässiger bei der Beachtung der Hygieneregeln geworden seien.

Meine persönliche tägliche Erfahrung ist eine andere: Wenn ich in Oberhavel unterwegs bin, sehe ich in der großen Mehrheit erstaunlich disziplinierte Menschen, die Abstand halten, Mund-Nasenschutz tragen und sich sehr bemühen, die Hygieneregeln einzuhalten. Und dafür danke ich meinen Mitmenschen, denn es macht wahrlich keine Freude, einen Mund-Nase-Schutz zu tragen. Und es macht unser Leben ärmer, dass wir unsere Familie und Freunde nicht in den Arm nehmen dürfen oder sogar nur eingeschränkt sehen. Die fast tägliche Absage von Veranstaltungen macht auch keinen Spaß. Aber wenn diese Nebenwirkungen der Pandemie nur „keinen Spaß“ machen würden, dann wäre der Schaden ja noch überschaubar.

Doch die Einschränkungen und Nebeneffekte der Pandemie waren und sind ja viel größer: Neben COVID-19 traten andere Krankheiten teilweise bei der Behandlung in den Hintergrund, manche Menschen trauten sich auch gar nicht mehr in die Arztpraxen. Um Klinikbetten für Corona-Patient/innen freizuhalten, wurden eigentlich anstehende Operationen verschoben. Alte Menschen durften in den Heimen nicht mehr besucht werden, viele haben bis heute schwer mit der neuen Einsamkeit und zeitweisen Isolation zu kämpfen. In „Corona-Zeiten“ ist es schwieriger, bestehende psychische Erkrankungen zu behandeln, neue psychische Probleme sind hinzugekommen. Unsere Jüngsten erlitten in der Zeit der Schulschließungen einen Bildungsverlust, Kinder aus schwierigen Elternhäusern wurden für Wochen nicht in der Öffentlichkeit gesehen. In den Gesundheitsämtern der Republik stehen die Mitarbeitenden seit März voll im Dienste der Corona-Nachverfolgung, schieben nicht selten eine Überstunde nach der anderen. Zugleich bleibt dort die sonstige Arbeit, zum Beispiel in der gesundheitlichen Vorsorge und Früherkennung, größtenteils auf der Strecke. Und bei dieser unvollständigen Aufzählung habe ich noch gar nicht von den verheerenden wirtschaftlichen und finanziellen Folgen der Pandemie gesprochen.

Die Politik befindet sich deshalb seit mehr als einem halben Jahr in einem ständigen Abwägungsprozess, einerseits das gefährliche Virus mit Eindämmungsmaßnahmen zurückzudrängen und andererseits gleichzeitig die zum Teil ebenfalls problematischen Folgewirkungen nicht zu schlimm werden zu lassen. Eine Abwägung, die im Schulterschluss mit führenden Wissenschaftler/innen stattfindet und dennoch unendlich schwierig ist. Und wenn man in den Wissenschaftsbereich schaut, so sieht man schnell, wie auch dort die Meinungen auseinandergehen. Während einige Gruppierungen für eine relative Normalität für den Großteil der Bevölkerung und statt allgemeiner Eindämmung den gezielten Schutz von Risikogruppen bevorzugen, halten andere dies für eine tödliche Strategie, die die Sterberaten nach oben treiben werde.

Ich halte es für nachvollziehbar, dass wir derzeit weiter auf den Weg der Eindämmung setzen, in der Hoffnung, dass wir möglichst bald zu Impfungen kommen. Ich setze aber auch darauf, dass wir – die Politikerinnen und Politiker – weiter mit Augenmaß durch die Krise steuern und uns selbst dabei immer wieder kritisch hinterfragen. Dazu gehört für mich auch, dass Bundestag und Landtage sich künftig noch stärker in die Gestaltung der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie einmischen. Die Bundesregierung und die Brandenburger Landesregierung haben hier bisher eine sehr gute und international anerkannte Politik gemacht. Doch rund sieben Monate nach Beginn der Pandemie müssen die Parlamente als eigentliche Orte der Gesetzgebung eine noch stärkere Rolle übernehmen. Erste Beschlüsse dazu sind in den letzten Wochen gefasst worden, weitere werden folgen.

Letztlich ist es doch wie so oft im Leben: In der Bewältigung der Corona-Pandemie gibt es kein schwarz oder weiß, es gibt niemanden, der die Antwort auf alle Fragen geben kann oder die „Weisheit mit Löffeln gefressen“ hat. Wir sind alle Lernende, egal ob Wissenschaft, Politik oder Bürgertum. Umso wichtiger ist aber, dass wir dies anerkennen und trotz verschiedener Sichten auf die Dinge weiterhin respektvoll, demokratisch und solidarisch miteinander umgehen. Das wünsche ich mir für die nächsten Monate, die eine große Herausforderung für uns alle darstellen werden!“

Foto: Björn Lüttmann vor dem Gesundheitsamt
Fotografin: Ildiko Kieburg-Diehl

Lüttmann vor dem Gesundheitsamt Oberhavel