Oranienburgs historische Verantwortung: Gedenken im Spannungsfeld zweier Opfergruppen

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Von Björn Lüttmann, MdL, und Julian Burchardt

Als die Oranienburger Stadtverordneten Anfang 2019 beschlossen, neue Straßen in Oranienburg künftig vorrangig nach Frauen zu benennen, konnten sie nicht ahnen, welche internationalen diplomatischen Verwicklungen sie damit auslösen würden. Der Beschluss, der gedacht war, die gleichberechtigte Anerkennung von Frauen im öffentlichen Raum voranzubringen, mündete bei der Straßenbenennung eines neuen Baugebietes schließlich in einen international kommentierten Konflikt.

Hintergrund des immer stärker eskalierenden und bis heute noch nicht beendeten Konflikts ist die Tatsache, dass das Baugebiet auf dem Gelände eines ehemaligen KZ-Außenlagers liegt, bei der Benennung von Straßen in diesem Gebiet aber auch ein Opfer des sowjetischen Speziallagers 7 Berücksichtigung fand. Der von der Stadtverordnetenversammlung inzwischen bestätigte Vorschlag, eine Straße nach der ehemaligen Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen e.V., Gisela Gneist, zu benennen, riss alte Gräben zwischen den jeweiligen Opferverbänden auf. In der Folge kam es zu mal mehr, mal weniger sachlichen Einlassungen von allen Seiten.

Die Sicht der „Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen“

Bereits seit Beginn der 1990er Jahre und begleitend zum Umbau der vormaligen Mahn- und Gedenkstätte in die heutige Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen hatte es Konflikte zwischen den Opferverbänden des nationalsozialistischen Konzentrationslagers (1936-45) und des sowjetischen Speziallagers 7 (1945-50) gegeben. Die Vertreter der „Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen“ bemängelten, dass aus ihrer Sicht die Opfer der sowjetischen Speziallager im öffentlichen Gedenken zu kurz kämen. Auch in Sachsenhausen würde überwiegend der Opfer des Konzentrationslagers gedacht. Zudem orientiere sich die Architektur der Gedenkstätte fast ausschließlich am früheren Konzentrationslager. An das Speziallager 7 gedenke hingegen nur ein kleiner Nebenbau und einige Tafeln abseits der Hauptgedenkstätte. Die „Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen“ bedauerte zudem, dass die Gedenkstätte wenig bis gar nicht auf ihre Wünsche eingehe, beispielsweise die Öffnung der Mauer am ehemaligen Eingang in das Speziallager 7. Nicht zuletzt gab es auch bereits langjährig den Wunsch, mit Gisela Gneist einem Opfer des Speziallagers in Form einer Straßenbenennung im Stadtgebiet zu gedenken.

Die Sicht der Opferverbände des Konzentrationslagers

Die Kritik der Opferverbände des Konzentrationslagers gegenüber den Forderungen der Opferverbände des Speziallagers bezieht sich bis heute vor allem auf zwei Aspekte: Zum einen wird den Opfern des Speziallagers ein oftmals undifferenziertes Verhältnis zur Geschichte des Speziallagers vorgeworfen. Vor allem werde das Verhältnis von Ursache und Wirkung verkannt. Ohne das nationalsozialistische Konzentrationslager hätte es das nachfolgende Speziallager schließlich nicht gegeben. Auch das zum Teil relativierende Verhältnis zum Nationalsozialismus wurde kritisiert. Ein besonders krasses Beispiel dafür war eine geplante Feier für den ehemaligen Euthanasie-Arzt Hans Heinze, welche im Jahr 1996 durch die Speziallager-Gemeinschaft erst nach Pressereaktionen abgesagt wurde. Auch soll es in den Reihen der Speziallager-Opfer Holocaust-Leugnungen gegeben haben, denen Gisela Gneist als Vorsitzende zumindest nicht entschieden entgegengetreten sei.  Zum zweiten geht es den Opfern des nationalsozialistischen Konzentrationslagers und ihren Nachkommen darum, die Singularität der Shoah zu verdeutlichen. Damit wenden sie sich gegen eine undifferenzierte Vermischung der beiden Systeme Nationalsozialismus und Stalinismus, wie sie sich ja auch in der „Totalitarismustheorie“ findet. Eine solche finde aber mit einer Straßenbenennung nach einem Speziallager-Opfer auf dem Gebiet eines ehemaligen KZ-Außenlagers statt.

Zukünftiges Gedenken gemeinsam gestalten

Und an dieser Stelle wird die eigentlich simple Benennung einer Straße zum Politikum! Denn unabhängig davon, welche Kommunikation zwischen allen Beteiligten wann schiefgegangen ist, und wie man die verschiedenen Interessen bewertet: Es gibt heute einen Straßenbenennungs-Beschluss, der den beschriebenen und lange schwelenden Konflikt wie in einem Brennglas bündelt. Und so wie mangelnde Kommunikation eine Ursache des nun im Raum stehenden Konfliktes war, genauso kann Kommunikation nun auch der Schlüssel zu seiner Lösung sein. Es muss möglich sein, beiden Opfergruppen im Oranienburger Stadtgebiet angemessen zu gedenken. Auch in Zukunft werden Bürgermeister und Stadtverordnete entscheiden müssen, wie mit den vielen im Stadtgebiet vorhandenen historischen Orten vor dem Hintergrund einer zeitgemäßen Erinnerungskultur und der weiteren Stadtentwicklung umzugehen ist.
Deshalb ist es notwendig, dass die Vertreterinnen und Vertreter der Opfergruppen des Konzentrationslagers und Speziallagers, der Bürgermeister und die Stadtverordneten Oranienburgs in einen ständigen Dialog treten. Das Bewusstsein für das Entstehen der zum Teil tiefen Gräben muss geschärft, die Kenntnisse der kommunalpolitisch Verantwortlichen verbessert und die berechtigten Erwartungen beider Lager an ein würdevolles Gedenken diskutiert werden. Eine wichtige Schlüsselrolle könnte dabei die Gedenkstätte und das Museum Sachsenhausen und der Förderverein der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen e.V. übernehmen. Sie sollten zu moderierten Gesprächen einladen, in denen zwischen den verschiedenen Interessen vermittelt wird. Auch das von der Stadt gepflegte freundschaftliche Verhältnis zum Staat Israel und zur jüdischen Gemeinschaft, vor allem auch die angestrebte Städtepartnerschaft mit einer israelischen Kommune, setzen diesen verantwortungsvollen Umgang mit der Geschichte Oranienburgs voraus. Das heißt: Opferverbände und Kommunalpolitik müssen jetzt in den Dialog kommen. Und erste Schritte in diese Richtung könnten schon am kommenden Sonntag am Rande der Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Verlegung des Speziallager 7 nach Sachsenhausen gemacht werden!